Geistlicher Impuls

Predigt am Sonntag nach der Studienfahrt nach Israel / Palästina am 04. November 18

(31. Sonntag im Jahreskreis)

 

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,

gerade eben sind wir, das Landesbildungswerk der KLB Bayern, aus Israel / Palästina zurückgekehrt, wo wir sehr intensiv mit der nicht gerade einfachen Situation der Menschen, der Religionen und Konfessionen im Land zusammen kommen durften. Gerade eben haben wir den Geschwisterzwist von Völkern erlebt, der von nicht wenigen verantwortlichen Politikern fürs eigene politische Überleben missbraucht wird. Gerade eben habe ich erfahren, dass die Lage in Israel / Palästina sich seit 18 Jahren, also seit meinem letzten Dort Sein, wesentlich erschwert hat.

Zugleich haben wir erkannt, dass dort, wo Menschen Spielräume haben, wo sie sich selbst verwirklichen dürfen und auch Überlebenschancen eröffnet bekommen, diese von ihnen auch genutzt werden. Ich denke an Ramallah und Bethlehem – die beiden von der Autonomiebehörde verwalteten Städte in der Zone A – ebenso wie an die Kibbuzim Maagan und Nof Ginnosar, die wir allesamt besucht haben. Ich denke aber auch an das offene Gespräch mit dem Propst der evangelisch-lutherischen Kirche von Jerusalem, Pastor Schmid, der uns von einem anfänglichen Miteinander der christlichen Kirchen erzählt hat (so besuchte das Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche die evangelischen Mitchristen anlässlich deren Reformationsfest). Gleiches gibt es auch im Hinblick auf die drei abrahamistischen Religionen. Hierbei erwähnte er die einmal monatlich stattfindenden Friedensgebete in der Stadt Jerusalem, an denen sich zwischen 15 und 40 Gläubige beteiligen. Ich denke aber auch an den langen Atem, den Stiftungen brauchen, um die Umsetzung von erfolgreichen, völkerübergreifenden Projekten überhaupt erleben zu dürfen. Mir ist aber auch noch ganz intensiv vor Augen, dass unsere Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel momentan wohl die einzige Politikerin ist, die von beiden Seiten, Israelis und Palästinensern, als Vermittlerin in ihrem Konflikt angenommen werden könnte.

Die heutige erste Lesung führt uns vor Augen, was letztlich so etwas wie eine Vermittlungsbasis für alle Religionen, ja letztlich für die Menschen an sich darstellen könnte – ob sie nun an Gott glauben oder nicht. Es gibt kaum eine jüdische Tür, an der uns folgender Text aus dem Buch Deuteronomium nicht vor Augen geführt würde. Es ist das sog. „Schema Israel!“, zu Deutsch das „Höre Israel!“. Mit diesem Gedanken vor Augen und im Herzen verlässt der Jude, ob nun gläubig oder nicht, am Morgen sein Haus und betritt es am Abend auch wieder. Die Mesusa, die Türhüterin, führt ihm diesen Gedanken vor Augen. In ihr ist der Text eingelegt, der da lautet: „Höre, Israel, Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Diese Worte sollen dem Juden ins Herz eingeschrieben sein. Das gleiche gilt für den zweiten Gedanken, der sich auf einer anderen Schriftrolle befindet. Er lautet: „Ebenso sollst Du Deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“

Im Evangelium bestätigt Jesus, den auch die Muslime als ihren Propheten ehren, diese Grundtexte des ersten Testamentes. Und was will dieser Gott, der alle drei großen abrahamistischen Religionen miteinander verbindet, anderes als das Leben aller Menschen. Dieses ist seine Grundoption. Es geht nicht um besser oder schlechter. Es geht um das gute Leben, letztlich um die Sicherung des Überlebens aller. Wenn wir das vor Augen haben, jeden Morgen und an jedem Abend  neu und jede und jeder Einzelne, welcher Religion oder Glaubensrichtung er oder sie zugehört, dann ist das die eigentliche Basis für den Frieden.

Gott hat in Jesus noch einmal in unbeschreiblicher Dichte gezeigt, wie wichtig ihm das ist. Er wollte in ihm aufzeigen: „Ich bin bei Euch und ich gehe mit Euch, wohin immer ihr auch geht …“. Dieses Mitgehen beschränkt sich nie und durch nichts. Es wird spürbar in Stunden des Glücks. Aber es ist auch vernehmbar in Zeiten der Dürre und Trockenheit. Es ereignet sich sogar dort, wo Menschen diesen Gott als unnahbar und fern empfinden. Hier geht es eigentlich zuerst darum, dass auch diese Erfahrung als real-mögliche Bedrängnis oder als Gottes Schweigen zum Leben des Menschen gehören kann.

Darum noch einmal dieses wunderbare und tiefe Wort, das es gilt sich täglich neu vor Augen zu führen bzw. führen zu lassen. Auch meine Türe ziert seit meinem Einzug am Petersberg im September 2000 so eine Türhüterin. Nach unserer Heimkehr aus Israel / Palästina werde ich wieder bewusster an ihr vorübergehen und mit den Eltern im Glauben, unseren jüdischen Brüdern und Schwestern dankbar in deren „Schema Israel“ einstimmen. Ich werde es auf mich selber übertragen und spreche: „Höre, Josef, Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst Du den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen. Mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Und deinen Nächsten sollt Du lieben wie Dich selbst.“

Vielleicht könnt ja auch Ihr, können Sie alle Ihren Namen einsetzen, um gemeinsam zu beten: „Höre, N. (der eigene Name), Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst Du den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen. Mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Und deinen Nächsten sollt Du lieben wie Dich selbst.“

Meditieren wir nun in einer kurzen Stille dieses uns alle verbindende jüdische Glaubensbekenntnis.

AMEN.